ERZÄHLERIN
„Giovanni Bertolini stammt aus Romallo – einem kleinen Dorf im Nonstal in Welschtirol, dem späteren Trentino, das noch zur Habsburgermonarchie gehört. Er hat es geschafft, sich von Baustelle zu Baustelle nach oben zu arbeiten – in Tirol, in der Schweiz und in Vorarlberg. Nun ist er ein erfolgreicher Bauunternehmer im Bregenzerwald.
Hier hat er Anna Maria Nenning aus Sibratsgfäll kennen und lieben gelernt. Die beiden haben 1888 geheiratet und leben mit ihren fünf Kindern in ihrem eigenen Haus in Egg. Jedes Jahr rekrutiert Giovanni zwischen 150 und 200 italienische Arbeiter – viele davon beherbergt er bei sich zuhause. Gerade sind wieder Neuankömmlinge aus dem Nonstal eingetroffen.“
GIOVANNI
„Hallo, willkommen, kommt herein!”
MANN 1
“Hallo Giovanni! Wir haben es geschafft! Wie geht es euch?”
GIOVANNI
“Uns geht es gut.”
MANN 1
“Heh, seht euch das an, soga reine Medaille hast du bekommen!”
GIOVANNI
“Habt ihr gesehen? Die Durchbruchsmedaille habe ich 1884 für meine Arbeit als Partieführer beim Bau des Arlbergtunnels bekommen. Und schaut, dieses Foto hier: die Flexenstraße – gebaut von Johann Bertolini! Und dort draußen, seht ihr den Kirchturm? Auch der: Johann Bertolini.”
SERGIO
„Bravo!“
MANN 1
„Nicht schlecht!“
GIOVANNI
„Kommt mit, ich zeige euch euren Platz im Stadel. Maria hat es euch gemütlich gemacht. Und später machen wir eine Flasche Teroldego auf! Ich habe jetzt nämlich eine Ausschankkonzession!“
GIOVANNI
„Sergio, du siehst so nervös aus, ist alles in Ordnung?“
SERGIO
„Jaja, ich denke nur an … Hast du von den Toten gehört, an der Baustelle des Albulatunnels in der Schweiz? Der jüngste war 15, genau wie ich.“
GIOVANNI
„Sergio, mach dir keine Sorgen. Als ich angefangen habe, war ich 12. Habe Steine geschleppt für meinen Vater, der an der Baustelle der Pustertalbahn gearbeitet hat. Und ich bin immer noch hier, gesund und fröhlich! Das Geheimnis ist: Immer konzentriert und wachsam bleiben! Das ist eine Chance für dich! Oder willst du lieber in einem Kohlebergwerk in Colorado arbeiten wie dein Bruder?“
SERGIO
„Nein, natürlich nicht.“
GIOVANNI
„Na also. Du wirst sehen, es geht alles gut. … Fühlt euch wie zuhause! Und morgen wird gearbeitet!“
MANN 1
„Danke Giovanni, bis später!“
GIOVANNI
„Maria?!“
MARIA
„Ich bin in der Küche!“
Tür knarrt, Töpfe und Schüsseln klappern
GIOVANNI
„Sie sind da.“
MARIA
„Gut, ich gehe sie gleich begrüßen.“
GIOVANNI
„Diese Schweine …“
MARIA
„Was ist los?“
GIOVANNI
„Da, lies: Die Bevölkerung soll sich fern halten von den welschen Arbeitern, mit ihrer allzu großen Liebenswürdigkeit, sonst droht die „Verwälschung Vorarlbergs“ und der Sittenverfall.“
MARIA
„Komm, leg das weg, so ein Unsinn, ich will es gar nicht hören! … Johann. Du weißt wie stolz ich auf dich bin. Wir alles sind es.“
MANN 1
„Giovanni! Komm schnell, im Gasthaus schlagen sie sich die Schädel ein! Da will einer die Arbeiter seiner Teilstrecke der Bregenzerwaldbahn nicht bezahlen.“
GIOVANNI
„Was? Aber das ist doch nicht meine Angelegenheit, meine Bahnarbeiter haben ihren Lohn bereits erhalten!“
MANN 1
„Nein, aber die wollen trotzdem, dass du kommst. Sie hoffen, dass du die Arbeiter beruhigen kannst.“
GIOVANNI
„Gut, ich komme.“
(zu Maria)
„Bis später Liebling. Ich werde gebraucht. Ohne Johann Bertolini geht hier nämlich gar nichts!“
MARIA
„Bis später, gib auf dich Acht!“
ERZÄHLERIN
Bis 1925 führt Giovanni errichtet er im Bregenzerwald unzählige Bauten, von Straßen- und Bahnbauprojekten über Hotels und Wohnhäusern bis hin zu Elektrizitätswerken. Dann übergibt er die Firma Johann Bertolini an seinen Sohn Isidor und begutachtet dessen Baustellen von einem Klappstuhl aus. Erst mit dem Ruhestand seines Enkels, Johann Ferdinand Bertolini im Jahr 1987 endet die Geschichte seines erfolgreichen Bauunternehmes in Egg.